Floßfahrt im Grand Canyon

Ein Traum wird wahr. Es ist sechs Uhr morgens, als der Bus unsere Reisegruppe aus einem Motel in Flagstaff abholt und zu einem gemeinsamen Frühstück in ein nahegelegenes Restaurant bringt. Wir stehen am Anfang eines Supertrips: einer Schlauchbootfahrt auf dem Colorado durch den Grand Canyon in Arizona.

Lange Jahre hatte ich schon davon geträumt, viele Geschichten gelesen und Filme darüber gesehen. Heute soll der Traum endlich wahr werden.

Nachdem man uns schon gestern auf der Wiese vor dem Motel mit dem Verstauen der Ausrüstung und dem Anlegen der Schwimmweste vertraut gemacht hatte, bekommen wir nun während des Frühstücks einen Videofilm gezeigt. Er soll uns mit den Sicherheitsmaßnahmen und den im Notfall erforderlichen Reaktionen bekannt machen.

Vor der Kür steht die Pflicht, denn man muss wissen, wie man sich in kritischen Situationen verhalten soll. Man erklärt uns die Handzeichen, die man dem Bootsführer machen muss, wenn z.B. jemand über Bord gegangen ist. Das ist wichtig, denn eine mündliche Verständigung wird in den brüllenden Stromschnellen kaum möglich sein. Außerdem wird gezeigt, wie man sich im Falle des Falles im Wasser treiben lassen soll , bis man vom Boot wieder aufgenommen werden kann.

Auf dem Colorado gibt es keine Toiletten. Das Problem der Entsorgung menschlicher Abfallprodukte wird recht anschaulich demonstriert und löst eine amerikanisch- verlegene Heiterkeit aus. Wie alles , was in den Canyon gebracht wird, müssen auch die menschlichen Exkremente den Canyon wieder verlassen, sei es mit dem Flusswasser oder in einem eigens mitgeführten Behälter, dem „duke”. Der Wunsch nach einem entsprechenden Halt (dem aus der Rennfahrersprache entlehnten „pit stop”) soll jedenfalls auch mit einem recht unverfänglichen Handzeichen signalisiert werden.

Nach unserem Einweisungsfrühstück geht es endlich los. Mit dem Bus fahren wir die 200km von Flagstaff nach Lees Ferry im Norden von Arizona, dem Ausgangspunkt der Tour. Die Fahrt geht durch die “painted desert”, die bemalte Wüste. Merkwürdige, an aufgeschichteten Zement erinnernde Hügel säumen die US-Bundesstraße 89. Mit uns im Bus unsere Führerin Judy, eine Frau von Mitte 20 aus dem Bundesstaat Colorado. Im Winter macht sie einen Bürojob in Boulder, im Sommer genießt sie „Freiheit und Abenteuer”. Sie gibt uns weitere Informationen und stimmt uns auf das bevorstehende Abenteuer Grand Canyon ein. Sie macht die Tour nicht zum ersten Mal, aber man merkt ihr trotz aller Routine an, dass sie sich auf den Trip mit uns freut.

Kurz vor unserem Ziel führt die US 89 über „unseren” Colorado. Von der Navajo-Brücke können wir schon mal einen Blick auf den Strom werfen, dem wir uns in den nächsten Tagen ausliefern wollen. An dieser Stelle jedenfalls fließt er ruhig dahin und von Stromschnellen ist nichts zu sehen.

Am Start in Lees Ferry

Die Stimmung ist erwartungsvoll, als wir in Lees Ferry ankommen. An der Anlegestelle liegen drei dieser (hoffentlich) unsinkbaren Neopren-Flöße. Als erstes muss der Bus entladen werden. Zu diesem Zwecke wird eine sogenannte „bag line” gebildet. Dabei werden die mit unserer Ausrüstung gefüllten, wasserdichten Säcke und die blechernen Munitionsbehälter (“Ammo Cans”) von Hand zu Hand zu den Flößen weitergereicht. Alles, was man während des Tages benötigt, muss man in seiner Blechkiste vertaut haben, denn an die wasserdichten Säcke kommt man nicht heran. Die Bootsführer zurren sie mit Seilen an den Außenseiten der Flöße fest. Die Ammo Cans werden in den hochklappbaren Bänken an den Seiten des Floßrahmens verstaut.

 

Lees Ferry - Beladen der Flöße
Lees Ferry - Beladen der Flöße

Eines der Boote wird auf eine ganzwöchige Tour durch den gesamten Canyon gehen. Die restlichen zwei Boote fahren von hier aus nur bis zur Phantom Ranch im Herzen des Grand Canyon, um uns auszuladen und neue Passagiere für die Reststrecke aufzunehmen.

Bevor wir an Bord gehen, lernen wir noch unsere anderen Führer kennen. Da ist Marty, ein kleiner drahtiger Arizonier, der, wie er selbst sagt, nicht erwachen werden will. Da sind Bruce und John, zwei Kalifornier ,die als eingespieltes Team schon viele Meilen auf dem Strom zurückgelegt haben. Sie sagen, man solle nicht schüchtern sein und fragen, fragen, fragen. Sie wüssten zwar auch meistens keine Antwort, aber sie würden uns schon was erzählen, was sich plausibel anhört. Das war natürlich ein Scherz, aber so manche Geschichte, die sie uns später erzählten, konnte man getrost als „Canyon-Latein” betrachten.

Marty, unser Kapitän
Marty, unser Kapitän

Um dem Wochenboot bei der Abfahrt den Vortritt zu lassen, bekommen wir noch eine kleine Führung zu den historischen Gebäuden von Lees Ferry verpasst. John Doyle Lee, ein exkommunizierter Mormone, begann den Fährbetrieb hier im Jahre 1871. Drei Jahre später wurde er wegen seiner Beteiligung an einem Massaker an Pionieren verhaftet und 1877 hingerichtet. Da er ein körperlich sehr stattlicher Mann war, musste er sich vor seiner Erschießung vor seinen Sarg stellen, damit er direkt hineinfallen konnte. Dadurch ersparte er den Anwesenden die Arbeit, ihn mühsam hineinzuwuchten. Amerikaner denken halt praktisch. Zum Beweis, dass es kein Canyon-Witz ist, zeigt man uns das Foto, das Lee sitzend vor seinem Sarg zeigt. Mormonen ehelichten in der damaligen Zeit meist mehrere Frauen. Daher blieb die Fähre zunächst im Familienbesitz. John Doyle Lees 17. (!) Frau Emma leitete den Betrieb. Lees Ferry war bis 1928 die einzige Überquerungsmöglichkeit des Colorado in Nord-Arizona und hat während der Wirren der Kolonialisierung des Wilden Westens eine bewegte Geschichte erlebt.

Wir gehen zum Floß zurück. Nun ist die letzte Gelegenheit, noch einmal eine zivilisierte Toilette aufzusuchen. Wir ziehen uns die Schwimmwesten an und verteilen uns auf die Boote. Ich bin bei Judy und Marty auf dem Boot, die uns noch einmal einschärfen, daß an Bord immer die Schwimmweste getragen werden muß. Zunächst sehen wir das nicht ein, denn es ist unangenehm warm bei 35 Grad Celsius und der Fluß zieht ruhig dahin. Das sollte sich aber bald ändern.

Das Abenteuer beginnt

Marty legt ab und steuert das Floß in die Strommitte. Über den Fluss ist ein Seil für den Lastentransport von Ufer zu Ufer gespannt. Es signalisiert zugleich die Meile null im Grand Canyon – das Abenteuer beginnt. Vier Führer und 28 Touristen – und kein Weg zurück.Vor uns liegen 140 Flußkilometer, 200m Gefälle und rund 30 Stromschnellen. Letztere machen zwar nur 9% der Strecke aus, aber sie haben es in sich, wie wir noch erfahren werden. Der Weg wird uns bis zu einer Tiefe von 1600m in den Bauch der Erde führen mit Temperaturen von über 45 Grad im Schatten.

Noch sitzen wir auf den Seitenbänken des Floßes, denn zunächst geht die Fahrt recht ruhig voran. Bald passieren wir die Navajo-Brücke, die sich in 150m Höhe über den Canyon spannt. Sie wurde 1929 fertiggestellt und ersetzte die immer wieder von Unglücken heimgesuchte Fähre. Für uns ist sie das vorerst letzte Zeichen der Zivilisation.

Stromschnellen

Ein donnerndes Geräusch kündigt uns die erste Stromschnelle an. Marty ordnet den sofortigen Rückzug ins Bootsinnere an. Wir sitzen auf den Bänken, die sich über dem Boden des Floßinnenrahmens befinden.

 

Navajo-Bridge
Navajo-Bridge

 

 

Stromschnellen
Stromschnellen

Jetzt beschleunigt sich die Fahrt des Bootes, denn wir kommen in den Sog von “Badger Rapids”. Das Boot taucht mit der Nase ab und im nächsten Moment bäumt es sich auf. Eine Welle schwappt von vorn über das Boot. Wir sind bis auf die Haut durchnässt. Obwohl das Wasser kalt ist, macht es Spaß. Schon bei der zweiten Welle geben wir unsere angeborene deutsche Zurückhaltung auf und stimmen in die typisch amerikanischen Jubelschreie ein, die man z.B. vom Rodeo her kennt. Ich bin heilfroh, dass ich Brille und Kopfbedeckung vorher mit einem Band gesichert hatte. Schon kommen wir wieder in ruhigeres Fahrwasser. Unser an der Schwimmweste befestigter Trinkbecher enthält jetzt Original Colorado-Wasser. Wir müssen lachen.

Die nächste Stromschnelle wird freudig erwartet: “Soap Creek Rapids”. Wieder das schnelle Abtauchen und Aufbäumen des Bootes, doch diesmal dreht es sich dabei um 180 Grad und wir passieren die zweite Hälfte der Stromschnellen rückwärts. Obwohl Marty Schwerstarbeit leistet, laufen wir auf den Felsen auf und hängen fest. Zum Glück ist unser Partnerboot noch nicht außer Sichtweite, so dass Bruce und John uns zur Hilfe kommen können. Sie ziehen uns mit einem Seil vom Felsen und Marty muss sich allerlei Frotzeleien anhören. Man nennt ihn Marty Martini, will er „Always on the rocks” (immer auf den Felsen) ist.

Aufgelaufen - Marty on the Rocks
Aufgelaufen - Marty on the Rocks

In diesem Sommer führt der Fluss extrem niedriges Wasser. Daher sind die Stromschnellen besonders gefährlich. Sie haben in dieser Saison ihre höchstmögliche Schwierigkeits-Klassifikation. Diese Klassifizierung erfolgt durch die Angabe von Zahlen zwischen 1 und 10, und zwar unter vier verschiedenen Bedingungen (Hochwasser, mittelhohes Wasser, Niedrigwasser und extremes Niedrigwasser). So hat Badger Rapids z.B. die Klassen 5/6/7/8.

Die Stromschnellen entstehen an den Einmündungen der Seitencanyons. Die Nebenläufe sind meist trocken, aber nach extremen Regenfällen verwandeln sie sich in reissende Sturzbäche und transportieren Geröll unterschiedlicher Größe in den Fluss. In früheren Zeiten konnte der Colorado zumindestens während der Schneeschmelze die Stromschnellen durch seine eigene „Wildheit” entschärfen, aber heute fehlt ihm die Kraft. Das liegt am Bau des Glen Canyon Damms ca. 20km oberhalb von Lees Ferry , der den Colorado zum riesigen Powell-See staut. So werden die Rapids immer schwieriger zu bewältigen.

Ein Dachs wird zu Seife

Die Namensvergabe hier im Canyon ist ein besonders interessantes Kapitel. Die Namen Badger- und Soap Creek Rapids gehen auf die gleiche Begebenheit zurück: 

Ein Westmann namens Badger Hamblin schoss einen Badger (Dachs) in einem Seitencanyon. Folgerichtig nannte er den Canyon Badger-Canyon. Am Abend war er ein Stück flussabwärts gezogen und kochte den Dachs mit dem Wasser eines anderen Baches. Da das Wasser des Baches alkalisch war, verwandelte sich das Fett des Dachses in Seife. So nannte Mr. Hamblin den Bach „Soap Creek” (Seifenbach). Die meisten Namen hier unten am Fluss gehen allerdings auf John Wesley Powell zurück. Powell war ein einarmiger Bürgerkriegsveteran, dem es als erstem gelang, den Colorado durch den Grand Canyon zu befahren. Seine erste Reise machte er im Jahre 1869. Er nannte diesen Teil des Grand Canyon „Marble Gorge” (Marmor Schlucht), weil ihn die Farbe der Canyonwände an Marmor erinnerte. Da Powell ausgebildeter Geologe war, kann man davon ausgehen, dass er genau wusste, dass es sich hier keineswegs um Marmor, sondern um Sand- und Kalksteine handelte.

Bei Meile 20 legen wir an. Es ist Lunchtime. Auf einer Sandbank wird dazu ein Tisch aufgebaut. Es gibt das berüchtigte amerikanische „Gummibrot” mit Corned Beef, Käse, Tomaten, Gurken… und es schmeckt hier in Wildnis großartig. Diese Stärkung sei auch nötig- sagt man uns- denn vor uns liegen die Roaring Twenties (die Wilden Zwanziger). Hier erwarten uns zwischen Meile 20 und 27 nicht weniger als 10 Stromschnellen.

Erste Rast - Lunch Break
Erste Rast - Lunch Break

Gefährlicher Zwischenfall

Gestärkt geht’s weiter mit der rauschenden Fahrt und die Zeit vergeht wie im Fluge. Bei Meile 25 macht Marty seinem Spitznamen erneut alle Ehre, denn wir hängen wieder fest. Es hat uns ausgerechnet im Ausläufer von Hansbrough Rapids erwischt. Das Floß liegt nach einem 2 Meter Fall auf einem Felsen in der Flussbiegung. Zu allem Überfluss rammt uns ein Floß einer anderen Gesellschaft, so dass wir fast über Bord gehen. Dadurch werden wir noch weiter auf den Felsen geschoben. Unser Partnerboot versucht uns wieder herunterzuziehen, aber es klappt erst, als wir zur Unterstützung auf dem Floß im Rhythmus auf- und niederspringen. Man lacht uns aus wegen dieser merkwürdigen Technik, aber sowas schweißt zusammen und macht ein Team aus uns. Als das Boot frei ist, erkennen wir die Ursache der Panne: Die Schraube des Außenbordmotors war in der Stromschnelle mit dem Felsen in Berührung gekommen und dadurch abgerissen worden. Zum Glück hat der gute Marty Ersatz dabei, sonst wäre unser Abenteuer möglicherweise schon hier zuende gewesen.

Nachtlager am unterirdischen Fluss

Wir sind wegen diesem Zwischenfall etwas knapp mit der Zeit und beginnen, nach einem Lagerplatz Ausschau zu halten. Eine Sandbank wird als geeignet ausgewählt. Mit Hilfe der schon bekannten „bag line” beginnen wir, die persönlichen Sachen und die Küchenausrüstung von den Booten zu schaffen.

Wir finden einen Platz für das Nachtlager unter einem Felsvorsprung. Hier wären wir sogar vor einem eventuellen Regen geschützt. Als Bett dient eine Schaumgummi-Unterlage, Kopfkissen werden aus überzähligen Kleidungsstücken geformt und zum Zudecken dient ein Wollschlafsack aus unserem „Drysack”. Während Marty, Judy und Bruce das Essen vorbereiten, nimmt uns John mit zu einem Entdeckungsgang zu einer Grotte. Hier gab es früher einen unterirdischen Fluss. Man sieht auf der gegenüberliegenden Seite des Colorado noch Spuren, die zeigen, wo der Fluss früher weitergeflossen war, bevor der Colorado seinen Weg kreuzte.

 

 

Kletterpartie für Alle als Beschäftigungstherapie während die Guides das Essen machen
Kletterpartie für Alle als Beschäftigungstherapie während die Guides das Essen machen

Als wir das Lager wieder erreichen, stürzen wir uns hungrig auf das Essen. Es gibt gegrillte Steaks mit Kartoffeln und Salat. Wir lassen uns durch den gehörigen Sandanteil den Appetit nicht verderben, im Gegenteil, es schmeckt wieder mal phantastisch.

Die Dunkelheit bricht herein und das Lagerfeuer wird angezündet. Da sowohl das Abbrennen von Bodenfeuern als auch das Holzsammeln in diesem Gebiet verboten ist, wird das Lagerfeuer aus eigens mitgebrachtem Brennmaterial in einem Eisengrill entfacht. Wir sitzen noch einige Zeit gemütlich beieinander. Dann verabschieden sich nach und nach die ermüdeten Canyon-Abenteurer, um sich unter dem klaren Sternenhimmel schlafen zu legen.

Abendessen steht an
Abendessen steht an

Die Nacht ist recht mild und man braucht den Schlafsack nur zum Zudecken.

Schon um 5 Uhr hören wir Marty mit den Kochtöpfen klappern- er beginnt mit der Zubereitung des Frühstückes, denn um 7 Uhr will er wieder auf dem Fluss sein. Er ist wirklich nicht zu beneiden bei seinem fulltime-Job.

Jetzt beginnt erstmal der Ansturm auf das „Duke”, die mitgeführte Toilette. Die Führer haben sie hinter einem Hügel aufgebaut. Oben auf dem Hügel ist Seife, Wasser und ein Beutel mitToilettenpapier bereitgestellt. Man nimmt diesen Beutel mit sich und signalisiert dadurch zugleich seinen Mitfahrern, dass das Örtchen besetzt ist. Das „Duke” kann man sich übrigens im Bedarfsfalle auch während des Tages aushändigen lassen. Ich rate allerdings, wenn es irgendmöglich ist, darauf zu verzichten, denn man verursacht dadurch eine Unterbrechung der Floßfahrt und wird unfreiwillig zum Ziel anzüglicher Bemerkungen der übrigen Mitreisenden.

Langsam breitet sich der Duft von Kaffee und Pfannkuchen über dem Lager aus. Wie überall in Amerika reiht man sich geduldig in eine Schlange ein, um das Frühstück zu empfangen. Zu den Pfannkuchen werden Sausages gereicht, diese immer ein wenig nach Seife schmeckenden Würstchen. Dazu gibt es Obst. Es mundet uns köstlich und froh gelaunt wird anschließend das Geschirr gespült. Dann geht’s wieder an das Beladen der Flöße. Wir haben uns abgesprochen und wechseln kurz vor der Abfahrt das Floß, so dass Marty allein zurückbleibt. Eine Anspielung auf die gestrigen Bruchlandungen auf den Felsen. Marty schaut zunächst etwas verdutzt, muss dann aber doch herzlich lachen: „Judy, du hast das gewusst!”

Auf dem Weg zu 2000 Jahre altem Wasser

Wir legen ab. Unsere Sandbank liegt wieder fast unberührt da, denn alle Spuren unserer Anwesenheit haben wir beseitigt- na ja, mit Ausnahme unserer Fußspuren. Das entspricht dem Motto, mit dem der National Park Service bei den Besuchern für ein naturbewusstes Verhalten wirbt: „Take only pictures, leave only footprints” – Mach nur Fotos, hinterlasse nur Fußabdrücke. Dieses Motto wird in den letzten Jahren auf dem Fluss und auf den Wanderwegen erfreulicherweise streng befolgt. Marty erzählt, dass es noch vor 10 Jahren ganz anders mit dem Naturschutz hier ausgesehen hat. Im Laufe von 3 Jahren hat der National Park Service zusammen mit dem kommerziellen Unternehmen „River Runner” hier kräftig für Ordnung gesorgt.

Wir bewegen uns auf die Mitte des Stromes zu. Die Sonne strahlt von einem wolkenlosen, tiefblauen Himmel herab und wärmt unsere Körper. Hinter den ersten Stromschnellen des Tages können wir die vorsorglich angelegte Regenkleidung wieder ausziehen. Ein warmer Tag kündigt sich an.

Es braust wieder in der Ferne und wir erkennen einen mächtigen Wasserfall, der, umrahmt von grüner Vegetation, aus der Canyonwand strömt. „Vasey’s Paradise” hat J.W.Powell diesen Ort nach einem Freund benannt.

Bevor wir ihn erreichen, macht uns Marty auf eine vergitterte Höhle aufmerksam, die in etwa 20m Höhe in der Canyonwand zu sehen ist. Dort hat man kleine, aus Weidenzweigen geflochtene Tierfiguren gefunden, die die bis dahin geltenden Vorstellungen über die Zeitangaben der menschlichen Besiedlung des Grand Canyons über den Haufen warfen. Man bestimmte ihr Alter auf 4000 Jahre. Bisher hatte man angenommen, dass die ersten Indianer vor ca. 2000 Jahren hier gesiedelt hatten. Die Tierdarstellungen hatten offenbar magische Bedeutung und sollten den Jägern Glück bringen. Manche von ihnen waren mit kleinen Speeren durchbohrt.

Das Alter des Wassers, das bei Vasey’s Paradies aus der Canyonwand sickert, wird von Fachleuten auf ein Alter von 2000 Jahren geschätzt- fast unvorstellbar für uns. Hier ist übrigens einer von zwei Orten im Canyon, wo der giftige Efeu wächst. Dessen Reaktion mit der Haut ist am ehesten mit unserer Brennessel zu vergleichen. Also ein etwas trügerisches Paradies.

„Redwall Cavern”, unser nächster Stop, wurde ebenfalls von Mr. Powell benannt. Hier hat der Colorado in einer Flussbiegung die Wand des Canyons ausgehöhlt. 50.000 Leute hätten in dieser Höhle Platz, behauptete Powell. Das war sicherlich stark übertrieben, aber die Ausmaße erscheinen uns doch gewaltig. Der Platz reicht zumindestens, um einen Frisbee-Wettkampf Floß I gegen Floß II darin auszutragen.

Wir setzen die Fahrt fort und machen einen Ausflug in den Nautiloid Canyon. Dort findet man Versteinerungen kleiner Meerestiere, die mit den Tintenfischen verwandt sind, welche noch heute in den pazifischen Meeren leben.

Die Geschichte vom Steinbiber

Ein paar Meilen stromabwärts sind die Ufer von Geröllhaufen bedeckt. Marty erzählt uns die Geschichte vom Steinbiber, der in der Lage war, sich von Felsen zu ernähren. Die Haufen seien die Zeichen seiner guten Verdauung. Der Steinbiber sei längst ausgestorben, er hätte aber moderne Nachfolger mit Aktentasche und Taschenrechner gefunden. Sie kämen von „Bureau of Reklamation” und hätten nur einen Drang, nämlich den, Staudämme zu errichten. Hier an dieser Stelle sollte nach ihren Planungen der „Marble Canyon Damm” entstehen. Die Geröllhaufen seien die Spuren der ersten Probebohrungen. Zum Glück konnte das Projekt durch private Initiative gestoppt werden. Das geschah durch eine ganzseitige Anzeige in der Washington Post im Jahre 1966: “Nur du kannst den Grand Canyon vor der Überflutung retten” , hieß es da. Daraufhin erhob sich ein Proteststurm in der Bevölkerung, der schließlich dazu führte, dass der US Kongress 1968 ein Gesetz erließ, das Vermessungen zum Zwecke des Dammbaues ohne Genehmigung durch den Kongress verbot. Im Jahre 1975 wurde die „Marble Gorge” durch einen Erlass Präsident Fords Bestandteil des Grand National Parks und somit (hoffentlich) endgültig vor dem Zugriff des „Steinbibers” geschützt.

Lunchtime. Wir legen an einer Sandbank an. Die wenigen Sträucher spenden nur spärlichen Schatten. Wir kühlen hier unsere Füße, denn der Sand ist glühend heiß. Wir versuchen eine kurze Abkühlung im Colorado zu bekommen, aber das eiskalte Wasser verschlägt uns den Atem. Marty hatte uns versprochen, heute noch mit uns richtig baden zu gehen, und zwar im „Little Colorado”, dem kleinen Bruder unseres großen Stromes. Mit der Vorfreude darauf brechen wir schnell wieder auf.

Am frühen Nachmittag erreichen wir den Zusammenfluss.

Ein Bad im Little Colorado

Wir haben Glück: der Little Colorado, oftmals nach starken Regenfällen in Ost-Arizona und New Mexico braungefärbt und reißend, zeigt sich von seiner schönsten Seite. Milchig-blau und ruhig strömt er unserem Boot entgegen. Nach ein paar Metern legen wir an. Zu Fuß gehen wir mit angelegten Schwimmwesten ein paar Kilometer flussaufwärts. Dann geht’s hinein ins Wasser! Wir lassen uns im warmen Wasser die Stromschnellen und kleinen Wasserfälle hinuntertreiben. Es macht unglaublich viel Spaß. Wir gehen schnell noch mal zurück, um den tollen Rutsch ein zweites Mal zu erleben. Wen stören schon die Kratzer an den Beinen, die man sich holt, wenn man mal an einem Felsen vorbeischrammt.

Später erfahren wir, dass der Little Colorado auch ökologische Bedeutung besitzt: Er ist eine wichtige Zufluchtstätte für seltene Fischarten, die früher im ganzen Unterlauf des Colorado beheimatet waren. Als der Glen Canyon Damm errichtet wurde und es dadurch zu drastischen Temperaturänderungen im Fluss kam, wurde ihnen dort die Lebensgrundlage entzogen.

Einige Meilen weiter die Schlucht des Little Colorado hinauf treffen wir auf das größte Heiligtum der Hopi-Indianer- die” Sipapu”- eine Quelle auf einem Hügel aus orangefarbenem Travertin. Nach der Überlieferung sind die Hopi an dieser Stelle in diese Welt gekommen.

Der Abschied vom Little Colorado fällt uns schwer. Kurz darauf passieren wir ein weiteres Heiligtum der Hopi. Am linken Ufer erkennen wir in den salzverkrusteten Wänden des Canyons kleine Höhlen. Etwa 100km weit mussten die jungen Männer der Hopi früher von den Tafelbergen hierher wandern, um ihre Anerkennung als Erwachsene zu erlangen. Dabei wurden kleine Weidenfiguren in den Höhlen deponiert. Die Figuren, die ihre Vorgänger hier abgelegt hatten, wurden als Beleg für die Reise ins Dorf zurückgebracht. Aus Achtung vor dem Glauben der Hopi ist den Canyonfahrern das Anlegen an diesen heiligen Stätten verboten.

Im Herzen des Grand Canyon

Der Canyon hat sich inzwischen geweitet. Wir haben die Marble Gorge verlassen. Jetzt erreichen wir das Herz des Grand Canyon.

Oben am Südrand erkennen wir als kleine Nadel den Watchtower, einen Aussichtsturm beim Desert View. Es wimmelt dort von Touristen, die 25 Cent pro Minute in die aufgestellten Super-Fernrohre werfen, um Schlauchbootfahrer auf dem Fluss auszumachen. Wir winken ihnen mal auf Verdacht zu.

Für Aufregung sorgt eine Klapperschlange, die seitlich auf unser Boot zuschwimmt. Sie muss von irgendeiner Klippe heruntergefallen sein. Die Bewegungsmöglichkeiten dieser Reptilien sind stark von der Außentemperatur abhängig. Im kalten Wasser des Colorado dürfte sich das Tier deshalb nicht allzu wohl fühlen. Wir verdrängen den Gedanken, das Tier in das Boot zu hieven. Das wäre dann doch übertriebene Tierliebe.

Es fängt langsam an zu dämmern und an der Mündung des Uncar Creek legen wir an einer Sandbank an, um unser Lager aufzuschlagen. Diesmal muss es in der Nacht trocken bleiben, denn hier gibt es weder Baum noch Strauch als Regenschutz. Allerlei Eidechsen huschen über den Boden und lösen vor allem bei den weiblichen Passagieren hörbares Unbehagen aus. Vor dem Abendessen macht Bruce mit uns einen kleinen Ausflug auf die andere Stromseite. Hier treffen wir auf altindianische Ruinen.

Im Uncar Delta lebten wie überall im Südwesten bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts die Anazazi Indianer. Sie errichteten einfache Steinhäuser und bauten Getreide an. Im Sommer zogen sie zum Canyon-Nordrand, um dort oben ihre Landwirtschaft zu betreiben. Um das Jahr 1250 herum wurde das ganze Gebiet von einer langjährigen Dürre heimgesucht. Die Anazazi wurden dadurch vertrieben und ihre Spuren verloren sich. Man weiß nicht genau, wo sie geblieben sind. Es gibt einige kulturelle Übereinstimmungen mit den heutigen Hopi und deshalb wird vermutet, dass sie deren Vorfahren sind. In ihrer Siedlung im Uncar Delta sehen wir die Grundmauern ihrer einfachen Behausungen. Überall sind Scherben ihrer Töpferei zu finden, einer handwerklichen Kunst, für die auch die Hopi berühmt sind.

Ein wildromantisches Abendessen im Schein des Lagerfeuers (es gibt selbstgefangene Forellen in Alu-Folie gebacken) sorgt für den angemessenen Schlusspunkt eines ereignisreichen Tages.

Die Nacht wird kälter, als wir erwartet hatten. In diesem relativ offenen Teil des Canyons sinkt die Temperatur auf unter 10 Grad ab. Wir frieren ordentlich in unseren dünnen Schlafsäcken.

Am nächsten Morgen geht’s deshalb umso schneller auf die Beine. Der heiße Kaffee weckt die Lebensgeister. Dazu gibt es Rührei und das unvermeidliche, stark übersüßte „Cereal”, eine Art Müsli. Es wird unsere letzte Mahlzeit in der Gruppe sein. Deshalb machen wir noch unsere Lunchpakete zurecht und verstauen alles wieder auf dem Floß.

Finale mit Schwierigkeitsgrad 10

Heute morgen geht’s recht zügig voran. Als wir die ersten Stromschnellen erreichen, strahlt die Sonne bereits vom wolkenlosen Himmel herab. Marty schickt uns sofort ins Bootsinnere, denn im Gegensatz zu gestern haben wir es heute mit größeren und gefährlicheren Rapids zu tun. Wir werden wieder kräftig durchnässt. „Dafür bin ich heute so früh aufgestanden, um mir die Haare zu waschen”, schimpft eine Mitfahrerin, die im hinteren Teil des Bootes von einem Wasserschwall getroffen wird. „Nun will ich auch richtig nass werden”. Sprichts , steht auf und setzt sich in die vorderste Reihe. Lange braucht sie nicht auf die Dusche zu warten, denn jetzt folgt eine Stromschnelle auf die andere. Eine davon heißt „Norman Nevills. Sie ist nach dem Gründer unserer Reisegesellschaft benannt worden. Nevills hatte im Jahre 1938 die erste kommerzielle Bootsfahrt mit Touristen durch den Grand Canyon unternommen. Damals war das noch ein richtiges Abenteuer, denn die kleinen Boote mussten sich mit dem verstärkten Heck voran durch die Stromschnellen kämpfen.

Bevor wir die besonders gefährlichen “Hance Rapids” erreichen, legen wir an, um die Stromschnellen auszukundschaften („to scout”, wie man hier sagt). John Hance war einer der ersten weißen Siedler hier im Canyon und er war bekannt für seine abenteuerlichen Geschichten. Zu seinen Lebzeiten sagte man, wenn man den Grand Canyon besuchen würde, ohne mit Hance zu sprechen, hätte man das Beste verpasst.

Von einem Weg am Ufer aus können wir die gewaltigen Rapids (mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad 10) überblicken. Unser Vertrauen in unsere Führer ist trotzdem unerschüttert, denn schließlich ist auch unser Marty seit gestern nicht mehr „on the rocks” gelandet.

Wunderbarerweise kommen wir glatt durch. Aber natürlich kriegen wir wieder mal eine kräftige Dusche ab. Da aber die Morgensonne die innere Colorado-Schlucht bereits kräftig aufgewärmt hat, tut die kleine Abkühlung gut.

Diese innere Schlucht ist in das geologisch älteste Gestein eingeschnitten, das der Colorado auf seinem Weg durch den Grand Canyon freigelegt hat. Die Gesteinsschicht ist ca. 2 Milliarden Jahre alt und besteht aus abgelagertem Schlamm und Sand, welcher unter enormem Druck und großer Hitze aus dem Erdinneren zu einem sehr harten Gestein umgewandelt worden ist. Später ist geschmolzener Granit in die Risse dieses Gesteins eingedrungen und bildet jetzt eine rosafarbene Maserung in dem grau-grünen Urgestein. Diesen Teil des Canyons nennt man „Inner Gorge” oder „Granit Gorge”. Er ist bis zu 500m tief eingeschnitten. Hier werden die höchsten Tagestemperaturen erreicht, denn das dunkle Gestein nimmt die Sonnenhitze auf und strahlt sie unerbittlich zurück. Obwohl es erst 10 Uhr morgens ist, sind wir schon knapp unter der 40 Grad -Marke. Da kommen uns die Stromschnellen mit ihren Gratis-Wasserduschen gerade recht. Für eine Sondereinlage sorgt unsere Führerin Judy. Sie stürzt kopfüber ins Wasser, als sie einige im Wasser treibende Eimer, die vermutlich ein anderes Floß verloren hatte, herausangeln will. Marty, der das beobachtet hat, zieht sofort den Außenbordmotor aus dem Wasser. Mit vereinten Kräften gelingt es uns, Judy wieder ins Boot zu ziehen. Das kalte Wasser hatte ihren Körper schon klamm werden lassen. Mit einem weinenden Auge schaut sie den abtreibenden Eimern nach.

Abschied

Das waren die letzten aufregenden Minuten auf unserem Boot. Von weitem kommt die „Schwarze Brücke” in Sicht. Sie überspannt den Colorado an seiner tiefsten Stelle bei der „Phantom Ranch”. Auf der Brücke erkennen wir einen langen Tross von Mulis, der geduldig dahinzieht, beladen mit Touristen und Gepäck. Wir legen an und entladen unser Boot. Ein letztes Mal gilt das Kommando „Bag line”.

Der Abschied gerät etwas wehmütig. Das letzte Gruppenfoto der „Boat People” wird gemacht. Im Schatten der kargen Sträucher warten bereits die neuen Boat People. Touristen, die den Rest der Reise durch den Grand Canyon mitmachen werden.

Für uns geht hier eine unvergessliche und abenteuerliche Fahrt zuende.

Unsere Gruppe geht auseinander. Während sich einige besonders mutige auf den bei diesen Temperaturen besonders anstrengenden Weg zum Südrand machen, beschließe ich, noch eine Nacht hier im Herzen „meines” Canyons zu bleiben. Ich will die kühleren Morgenstunden nutzen, um den 16km langen und 1400 m Höhenunterschied überwindenden Weg zu bewältigen. Wenn morgen die Sonne aufgeht, wird die Hälfte der Wegstrecke schon hinter mir liegen und ich werde nicht zum letzten Mal über dieses großartige Erlebnis einer Rafting-Tour auf dem Colorado nachgedacht haben.